Das Märchen

Es war einmal…

..an einem Abend vor langer, langer Zeit, als der Wald in unserer Gegend noch nichts von den Menschen wusste. Die Bäume hatten sich gerade fertig gemacht für die Nacht, hatten wohlig seufzend ihre Wurzeln ausgestreckt, die Gräser wiegten sich sanft in den Schlaf und die Steine atmeten die Wärme des Tages aus. Da zerrissen plötzlich nie gehörte Laute die Stille und der Wald blickte erstaunt auf die zwei seltsamen Wesen, die da den weg entlang kamen. Zwei kleine Menschen waren es, ein Mädchen und ein Junge, barfuss und zerlumpt und sie weinten.
“Was ist das denn?” raschelten die Gräser aufgeregt.
Und “wer stört uns hier in unserer Ruhe?” ächzten die Bäume.
“Das sind Kinder”, antworteten die Steine.
Denn sie waren schon lange hier. Viel, viel länger als der andere Wald und sie kannten die Menschen.
“Sie können den Weg zurück in ihr Dorf nicht finden und haben große Angst.”
Mitleidig blickte da der Wald auf die beiden hinunter und beratschlagte, wie man ihnen am besten helfen könnte. Ein großer Felsen, der sich hoch zwischen den Bäumen erhob, bot als erster seine Hilfe an:
“Bleibt heute Nacht in meinem Schoß, da sein ihr sicher!” sagte er. Doch die Kinder hatten noch nie einen Felsen sprechen hören und meinten das Poltern von rollenden Steinen zu hören. Erschrocken sprangen sie zur Seite.

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Auf der Suche nach dem richtigen Weg kletterten sie einen Hang hinauf und jammerten:
“Wir sind schon wieder in die falsche Richtung gelaufen, nun werden wir nie mehr nach Hause finden!”
Die Steine am Wegrand, die das hörten, lächelten weise und sagten würdevoll:
“Nie mehr ist eine sehr lange Zeit, ihr Kinder. Wir liegen hier schon 150 Millionen Jahre und selbst wir haben nie mehr noch nicht erlebt!”

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Auch die Sonne, die sich schon halb mit dem Horizont bedeckt hatte, schmunzelte. Sie streckte noch einmal einen ihrer langen goldenen Finger aus und malte einen Bogen aus Licht auf die Bäume.
“Seht ihr, so wie dieser Kreis keinen Anfang und kein Ende hat, so wird es immer Tag und Nacht geben. Ich bin seit unendlich vielen Jahren hier und ich sage euch: nie mehr gibt es nicht!” sprach sie mit ihrer warmen Stimme.
Doch die Kinder konnten nicht verstehen, was zu ihnen gesprochen wurde. Sie sahen nur, dass die Sonne unterging und fürchteten sich vor der Nacht. Sie stiegen den Berg auf der anderen Seite hinunter und bemerkten zu ihrem großen Entsetzen, dass auch hier der Wald noch nicht zu Ende war.
“Ach, wären wir doch endlich daheim”, klagten sie.
“Wie schön ist es dort, mit den Eltern, den Geschwistern am warmen Ofen!”

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Die Schnecken im Gras zogen erschrocken ihre Fühler ein, als die Kinder an ihnen vorbeiliefen. Doch auch sie hatten Mitleid mit diesen verlorenen Wesen und streckten die Fühler wieder aus. Sie winkten den Kindern zu und riefen:
“Seid nicht traurig, Ihr Kinder! Auch wenn man an einen anderen Ort zieht, trägt man das Zuhause immer mit sich. Und wenn nicht auf den Rücken so wie wir, dann doch im Herzen!”
Aber weil Schneckenstimmen so zart sind, kann man sie nur hören, wenn man ganz still steht. Unsere Kinder jedoch waren längst weiter geeilt und der Rat der Schnecken verhallte in der Dämmerung.

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Mittlerweile waren sie tief in den Wald geraten und sehr, sehr müde geworden.
“Ach”, seufzte das Mädchen. “Ich wollte ich könnte mich jetzt einfach hinlegen und schlafen!”
“Ja”; antwortete der Junge. “Und morgen müssten wir aufwachen und alles wäre nur ein Traum gewesen!”
Die Gräser am Wegrand wurden ganz aufgeregt und begannen mit ihren feinen Stimmen zu singen:
“Ja, bleibt doch einfach hier! Seht ihr nicht, dass dies der Ort der Träume ist? Genau an diese Stelle fällt nachts der Sternenstaub und der ganze Wald kommt hierher und sammelt Kraft für den neuen Tag!”
Die Kinder hörten aber nur das Rascheln von Gras und gingen achtlos an dem magischen Ort vorbei.

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Langsam senkte sich nun die Kühle des Abends über den Wald und den Kindern wurde es kalt. Vor einer hochgewachsenen Buche blieben sie stehen. Sie hielten die Arme fest um sich geschlungen um sich zu wärmen.
“Wenn wir nur ein Feuer machen könnten!” klagten sie.
Ein großer Baumschwamm, der es sich am Stamm der Buche gemütlich gemacht hatte, räusperte sich:
“Ich könnte euch helfen!” sagte er freundlich. “Aus meinem Fleisch könnt ihr Zunder nehmen, der brennt im Nu lichterloh!”
Doch seine knarrende Stimme klang den Kindern unheimlich und sie liefen schnell weg von der Buche.
“Naja”, brummte der Baumschwamm und blickte den Kindern beleidigt nach. “wahrscheinlich wäre ich eh nicht trocken genug gewesen. Trotzdem, wenigstens bedanken hätten sie sich können!”

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Immer weiter gingen die Kinder den Pfad entlang. Und weil sie große Angst hatten, taten sie nun das, was Menschen immer tun, wenn sie in Not sind: sie begannen zu streiten.
“Du bist schuld, dass wir uns verlaufen haben!” schimpfte der Junge.
“Nein du,” rief das Mädchen zornig. “Du wolltest unbedingt durch den Wald laufen!”
“Aber du hast gesagt, wir müssen in diese Richtung gehen!”
So ging es hin und her.
“Warum streitet ihr euch den?” fragte da eine alte Buche ungeduldig.
“Nehmt euch ein Beispiel an uns!” sagte sie streng.
Sie schob ein wenig ihre Zweige zur Seite, so dass man die Föhre sehen konnte, die sie innig umschlungen hielt.
“Wir halten uns gegenseitig fest und unsere Wurzeln teilen sich die Nahrung. Nur gemeinsam ist man stark!”
Kopfschüttelnd blickten die beiden Bäume den Kinder nach, die gar nicht zu merken schienen, wer da zu ihnen sprach.

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Nun war es fast dunkel. Nur noch vereinzelt bahnten sich die letzten Strahlen der Sonne einen Weg durch die Bäume. Die Kinder wurden immer mutloser. Sie waren hungrig und durstig und erzählten sich gegenseitig von den Köstlichkeiten, die sie gerne essen und trinken würden. Die Spinnen, die gerade wie jeden Abend ihre Netze zwischen die Bäume hängten, hielten verwundert in Ihrer Arbeit inne.
“Warum nehmt ihr denn nicht von dem was da ist?” fragten sie.
Sie zeigten auf die glitzernden Tautropfen, die in ihren Netzen hingen.
“Seht doch nur! Überall kann man Wasser und Nahrung finden. Der Wald hat genug für uns alle!”
Aber wie zuvor verstanden die Kinder nicht, was die Spinnen ihnen sagen wollten. Mit ihren rauen Händen zerrissen die feinen Gespinste, die ihnen den Weg versperrten.
“Das hat man nun von seiner Hilfsbereitschaft!” schimpften da die Spinnen hinter ihnen her.
“Nun können wir die ganze Arbeit noch mal machen! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!”

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Jetzt hatten die beiden Kinder alle Hoffnung aufgegeben.
“Nie werden wir aus diesem Wald hinausfinden” sagte das Mädchen traurig.
“Wir werden sterben wie diese Blätter!”
Sie warf eine Handvoll Buchenblätter in die Luft. Die wurden sehr ärgerlich, als sie so unsanft durch die Luft gewirbelt wurden.
“Ihr Menschen seid wirklich seltsame Wesen. Wir sterben doch nicht! Wir sind immer da. Im Sommer trägt uns unser Baum und nährt uns, im Winter sind wir die Nahrung für seine Wurzeln. Und im nächsten Jahr wachsen mit unserer Hilfe neue Blätter. Wir alle sind ein Teil eines immer währenden Kreislaufs – genau wie ihr!” Doch wie immer hörten die Kinder nicht.
Da schließlich hatte der Wald ein Einsehen. Diese Wesen würden ihn nie verstehen, dachte er und teilte sich. Er gab den Blick frei auf eine große Wiese und die Kinder liefen jubelnd hinaus in das Abendlicht.

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Was war das für eine Freude: überall standen Blumen und leuchteten in allen Farben. Da schöpften die Kinder wieder Hoffnung. Vielleicht würden sie nun den Weg nachhause finden, jetzt wo sie endlich dem finsteren Wald entkommen waren? Eine blaue Blume nickte den Kindern zu und sagte freundlich:
“Hoffnung ist die größte Kraft!”
Die Kinder blickten sich erschrocken an: hatte die Blume tatsächlich gesprochen?
“Pflückt mich!” lächelte sie. “Ich bin nur für euch gewachsen!”
War das eine Traum oder war es Wirklichkeit? Sie sahen sich fragend an. Gehorsam brachen sie die Blume ab. Da plötzlich schien die ganze Welt von Stimmen erfüllt zu sein. Hilfreiche Stimmen, die ihnen Trost boten, ihnen Rat gaben. Staunend wandten sich die Kinder um. Da war der Wald, der ihnen eben noch so feindlich erschienen war. Jetzt aber konnten sie seine vielen Stimmen verstehen. Und als sie nun den Weg zurückgingen, hatten sie keine Angst mehr. Sie hörten die Botschaft der Blätter, sie nahmen sich bei der Hand, als sie an den verschlungenen Bäumen vorbeikamen.

“Wir haben verstanden”, sagten sie dankbar.
Sie betraten den Ort der Träume und spürten wie die Kraft zu ihnen zurückkam. Den Spinnennetzen wichen sie jetzt aus. Sie bedankten sich bei dem Baumschwamm für sein freundliches Angebot und den Schnecken winkten sie zurück. Sie schüttelten der Sonne die langen Finger und verneigten sich vor den alten Steinen am Wegrand. Schließlich nahmen sie auch das Angebot des großen Felsen an und legten sich in seiner Höhle schlafen. Am nächsten Morgen, als sie hinaus ins Licht traten, erkannten sie, dass der Weg zurück in ihr Dorf direkt vor dem großen Felsen begann.
“Ich hatte einen seltsamen Traum heute Nacht”, sagte der Junge, als sie aus dem Wald hinaus schritten.
“Ich auch”, antwortete da das Mädchen.
“Ich träumte, dass der Wald unser Freund war und sprechen konnte!”
Aber das war ja nur ein Traum – oder? In der Höhle jedenfalls lag an der Stelle wo die Kinder geschlafen hatten – eine blaue Blume.

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